Insel Institut

Vademekum

Wegweiser und Referenzsystem


Das Vademekum des Insel Instituts - ein stetig wachsendes Referenzsystem und eine Einladung an alle lesend mitzugehen. Was inspiriert, was beeindruckt, was nimmt Bezug auf Veränderungsprozesse? Dieser Wegweiser versucht mit seinen Beiträgen und Verlinkungen eine lebendige, dynamische Wirklichkeit aufzuzeigen, um so die eigene Vorstellungskraft zu animieren und daraus entstehende Freiräume mitzugestalten. Denn mit der Sprache drücken wir Gedanken und Gefühle aus, stellen eine Verbindung zwischen innen und aussen, zwischen sich und anderen, her. Das Kommunikationsmittel prägt unser Denken und Handeln, das wir ganz bewusst erlernen und gestalten können. Durch das Lesen entsteht eine Gemeinschaft mit einem anderen Geist und leitet uns an für das Land, das wir besuchen, das Leben.

Freiräume

Die Frage, was den öffentlichen und was den privaten Raum kennzeichnet, wird gesellschaftlich geregelt. In demokratischen Gesellschaften definiert sich der öffentliche Raum über die Möglichkeit zur Mitbestimmung aller wahlberechtigten Bürger/ innen. Die Bürger/innen sind Eigentümer/innen des öffentlichen Raumes. Das Ideal des öffentlichen Raumes lautet, soziale Durchmischung zu fördern und Prozesse der Meinungsbildung voranzutreiben. Öffentlicher Raum durchdringt den gebauten Stadtkörper als eine Art Metaraum. Die Grenzen des öffentlichen Raums konstituieren sich immer wieder neu auf Basis von Verhandlungen und Aneignungen. Eine nachhaltige Gemeinschaft wird durch partizipatorische Entscheidungsfindungsprozesse konstituiert. Diese Prozesse benötigen Strukturen für Verhandlungen. Denn der öffentliche Raum, für alle zugänglich, verschwindet, wird privatisiert. Die zufälligen Begegnungen werden minimalisiert. Die Bildung von geschlossenen, überwachten Räumen (Wohnanlagen, Einkaufszentren, Freizeitanlagen, Arbeitsorten) versucht die zufälligen Begegnungen zwischen anderen Bevölkerungsgruppen zu minimieren.
Projekte im öffentlichen Raum definieren sich über den inhaltlichen Bezug zum Ort oder zu einem Thema öffentlichen Interessens und lenken die Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Themen, ihre Wirksamkeit beruht auf dem Moment der unerwarteten Begegnung. Das Bauen eines Provisoriums setzt beispielsweise eine Vorstellung vom zukünftigen Zustand voraus und bietet ein Anschlusspotenzial, dem gleichzeitig eine Handlungsaufforderung innewohnt. Bereits die Wortherkunft ‚pro visum’ (lat. ‚vor sich sehen’), schliesst sich dieser Eigenschaft an Projekte im öffentlichen Raum beteiligen. Sie können die Wichtigkeit des öffentlichen Raumes den Bürger/innen verständlich machen und sie dazu bewegen, sich wieder mehr an der Mitgestaltung der demokratischen Gesellschaft zu beteiligen. Auch Improvisation ist eine Strategie für den Umgang mit der Diskontinuität von Planung und Raumproduktion. Besser als konventionelle Strategien ist sie in der Lage auf die sich veränderten Bedingungen zu reagieren. Improvisieren ist unermüdliche, sorgfältige Erprobung von Handlungsspielräumen.
Provisorien und Improvisation stellen demnach eine Möglichkeit des experimentellen Vorgehens in unbestimmten entwicklungsoffenen Situationen dar – ein Zustand des Vorläufigen. Es wird davon ausgegangen, dass ein Provisorium als erster Schritt nicht schadet, weil er wieder umkehrbar ist. Sie können als Methoden in Planungsprozessen eingesetzt werden, in denen neue Konzepte etabliert werden sollen und für das Gelingen eine hohe Akzeptanz der Benutzenden vorausgesetzt wird. Als Handlungsoption bei Unbestimmtheit können Provisorien bei aktuellen Problematiken mitwirken, ob als mögliche Lösung oder für eine weitergehende Suche; aus schlecht definierten Problemen können sich, mittels provisorischen Lösungen, gut definierte Probleme ergeben.
Die Forderung nach flexiblen Räumen, nach Freiräumen, die nicht eine bestimmte Nutzung vorgeben, sondern viele Nutzungen in Eigenregie ermöglichen, gewährt eine Verfügungsmacht über Ressourcen. Ferner werden diese Orte nicht von einer auserwählten Obrigkeit geplant und umgesetzt, sondern von den tatsächlich Benutzenden, den Stadtbewohnenden selbst; eine Wiederaneignung des öffentlichen Raums durch die Öffentlichkeit.

Auszug aus dem Essay 'Platzangst', Silvia Popp, 2010
Gehen - mehr als Fortbewegung

Gehen eine Technik, die wir in der Kindheit erlernen und später automatisch ausführen. Ein Bein heben und nach vorne schwingen, absetzen, das andere Bein heben und nachziehen, absetzen, Muskel spannen und entspannen. Verlagerung des Körpergewichts. Und so weiter und so fort. Eigentlich nichts Besonderes. Gehen, wandern, demonstrieren, es gibt viele Formen von Fortbewegung.

Eine Möglichkeit ist zu Entschleunigen mit 'Flanieren', zu Fuss unterwegs und flanieren gegen die zunehmende Betriebsamkeit. Genau das Gegenteil von rasch und effizient. Eine ostentative Gelassenheit gegen den Produktionsstress. Raum von Langsamkeit und Ruhe schaffen, nicht zielgerichtet und zweckfreie Bewegung, reines Sein oder schlendern wie ein Schlendrian.

Oder erforschen mit 'derivé', umherschweifen, Methode psychogeographiescher Feldforschung, Aufzeigen der modernen Stadt. Die Erkundung atmosphärischen Qualitäten des Terrains stehen im Vordergrund des Experiments – Entwicklung einer alternativen Stadtbenutzung und Heranbildung neuer Verhaltensweise können zu einer neuen Wirklichkeit führen.

Auch auf dem Troittoir 'trotten', gewohnheitsmäßig und beharrlich dahinschreiten. Ein paar Jahrzente früher noch für lustloses, plumpes Gehen, beziehungsweise sich mit kurzen Schritten gleichmäßig fortbewegen. Auch Traben gehört hier dazu, als eingefahrener Ablauf ohne neue Impulse.

Inspiriert u.a. ‹Über das Gehen als Künstlerische Praxis›, Ralph Fischer, Kunstforum 2020
Insel - fragmentarische Hervorhebung

Ein Land komplett von Wasser umgeben. Aber eine Insel ist mehr als eine Insel. Eine Insel birgt mehrere Inseln ins sich, ist auf mobile und unterschiedlichsten Ebenen mit vielen anderen Insel verbunden. Eine Insel öffnet sich immer auf ihre beweglichen Zwischenräume, Zwischenwelten. Das Meer, das Wasser, bildet das bewegliche Element, den beweglichen Zwischenraum par excellence, ohne dessen Vieldeutigkeit die Insel wohl kaum verstanden werden kann. Das Meer entzieht sich der dauerhaften Besiedelung durch Menschen. Auch die Insel ist ein ambivalenter Ort, der zwar durch seine Begrenztheit, aber auch durch seine Potenz, gekennzeichnet ist, als Ort der Begegnung und Kommunikation. Eine autonome Form im Meer, eine fragmentarische Hervorhebung von Land unter der Meeresoberfläche, die Spitze eines unterseeischen Berges.

Inspiriert durch ‹Insel und Archipele› herausgegeben von Anna E. Wilkens, Patrick Ramponi, Helge Wendt, 2011
Signale I

Expeditionen mit der Insel Institutsflagge, fotografische Dokumentation 2016-2024, Silvia Popp
Signale II

Zwei Brücken führen auf der Inselspitze zum Dorf. Sie können nur bei Niedrigwasser befahren werden, sonst läuft man Gefahr, im Meer stecken zu bleiben. Licht und Landschaft sind sanft. Überall ist Wasser, nah, klar und flach. Das Flussbett stürzt hier in einen 30 Meter tiefen Kessel ab, dort unten soll auch noch unwiederbringlich die goldene Glocke liegen. Gleich nebenan räkelt sich eine gigantisch grosse Blechschlange. Zwei silberne Papierkörbe flankieren den Übergang. Durch den Gully fliesst das angestaute Regenwasser wieder zurück in den See. Bei diesem garstigen Wintermittag steigt niemand ein oder aus. Das Wasser ist frisch, der Föhn weht wild. Einmal im Jahr wird ganz gross gefeiert, getanzt und geschlemmt während der mehrtägigen Fiesta, wo der deftige Eintopf alle hungrigen Seelen mehr als sättigt. Die Insel lässt sich auf den diversen Trampelpfaden in knapp 30 Minuten umrunden. Mit Schiefersteinwerfen geht es allerdings etwas länger. Ist da nicht eine Holzhütte auf dem Inselfelsen zwischen dem Lärchenwald versteckt, gar ein Kiosk mit Heissgetränken? Gegrüsst werden so oder so alle Vorbeigehenden. Manch einer hält einen Schwatz. Und vielleicht erfährt man sogar, warum Eilish in einem Taucheranzug auf einer Beerdigung gelandet ist. Längst noch nicht alles von der Insel gesehen, nicht mal der grossen Zeh des Fusses. Ausserdem weiden Rinder die Sommermonate auf der Insel. Sie werden mit einem Holzkahn, der Pfaffenschunke, rüber geschifft. Derweil nagen heute von weit her importierte kanadische Biber an den Bäumen. Zwei Türme ragen aus dem Meer. Der Grössere zeigt von stolzen 75 Metern Höhe den Schiffen den Weg. Mittendrin ruht der alte Hafen, wo sich im Nordwestwind die Geheimnisse der vielschichtigen Vergangenheit wirbeln. Selbst bei Regen und Gewitter ist man Unterdachs sicher geschützt und kann den Klängen der Regentropfen lauschen. Hier reiht sich ein Häuserl an das Andere. Im Winter wird der Durchgangsweg nicht gewartet, ein Schild warnt vor Rutschgefahr. Von all dem ist jedoch an diesem milden Sommernachmittag nichts zu spüren. Le Drapeau Tricolore flattert auf dem Dorfplatz, Möwen fordern lautstark Essbares und die Parkbänke warten auf Besuchende. Mysteriöse Zitronenschnitze liegen auf den Steinen verstreut – Überbleibsel eines Festes? Der Blick schweift in die Ferne, irgendwo da hinten liegen noch weitere Inseln. Die italienischen Nachrichten sind indessen das Tor zu Welt und werden rege mit Zwischenkommentaren versehen. Während auf dem gegenüberliegenden Festland eine Kirmes, Partyboote und Essensstände den Takt angeben, ist es hier vergleichsweise ruhig. Der dazumal amtierende König begrüsste alle Besuchenden persönlich und spielte Akkordeon im Social Club. Niemand weiss jedoch warum diese Strassen Insel getauft wurden. Ein Herr vermutet, dass es eben hier einfach paradiesisch sei. Die dörfliche Tankstelle serviert nebst Benzin die obligaten Hot Dogs und den lebensspendenden Filterkaffee. Die ganz in Rosa gehaltene Toilette hinter der Abtei ist der heimliche Star und hinterlässt garantiert bei allen ein seliges Lächeln zurück. Auf den grossen Felsen ist der Weg ein Abenteuer, der jeden Tag begangen werden kann. Am Abend im Windschatten noch den vorbeiziehenden Wolken zu winken. Das leise Rauschen der naheliegenden Autobahn könnte fast vom Meer stammen. Der Abendhimmel verfärbt sich nun langsam rot. Und so schlendern weiterhin Spaziergängerinnen und Hündeler dem Sonnenuntergang entgegen. Bis die Nächsten ihre kurzfristigen Spuren im Sand hinterlassen.

Expeditionen mit der Insel Institutsflagge, Zusammenzug der Berichte 2016-2024, Silvia Popp
Vorstellungskraft, das nützlichste Werkzeug

Die Kreativität bedeutet inzwischen nicht viel mehr, als Ideen zu haben, die sich auf Profitmaximierungsstrategien anwenden lassen. Das Wort kann kaum weiter degradiert werden und wird Kapitalisten und Akademikerinnen überlassen. Aber Vorstellungskraft, die bekommen sie nicht. Die Vorstellungskraft ist mit Abstand das nützlichste Werkzeug, das der Menschheit zur Verfügung steht. Sie ist Grundmuster unseres Denkens, sie ist ein Werkzeug des Geistes. Wir werden mit Körpern, Intellekt, Sprachfähigkeit und Vorstellungskraft geboren. Wir alle müssen lernen unser Leben selbst zu erfinden, zu erdenken, zu imaginieren. Immer wieder. Und nicht nur allein. Menschen haben sich schon immer in Gruppen zusammengetan, um sich gemeinsam vorzustellen, wie sie am besten leben und dabei einander bestmöglich unterstützen können. Gemeinschaft kann aber auch hinderlich sein, denn insbesondere kleine Gemeinschaften leben mit starken Traditionen, welche verhärten und sogar zum Dogma erstarren können. Grössere Gemeinschaften, wie etwa Städte, eröffnen Möglichkeitsräume, in denen Menschen sich Alternativen ausdenken, von anderen Traditionen lernen und ihre je eigene Lebensweise erfinden. Wir müssen andere Leute finden, die sich das Leben sinnstiftend und mit gewissen Freiräumen vorstellen und diesen lauschen. Nicht passiv zuhören, sondern lauschen. Lauschen ist ein gemeinschaftlicher Akt, für den Raum, Zeit und Stille von Nöten sind. Auch Lesen ist eine Art des Lauschens, es ist ein Akt, eine aktive Handlung. Beim Lesen nehmen wir das auf, was wir aufnehmen können und möchten, und nicht das, was mit überwältigender Geschwindigkeit, Unnachgiebigkeit und Lautstärke in uns hinein geschaufelt wird. Lesen ist eine Gemeinschaft mit einem anderen Geist, es findet keine Instrumentalisierung statt, stattdessen beteilige ich mich an einem Akt der Vorstellungskraft. Bücher eröffnen jenen, die lesen, ein kraftvolle neue Möglichkeit, aktiv Gemeinschaft einzugehen. Auf Wort kommt es an, das Teilen von Worten. Die Aktivierung der Vorstellungskraft durch das Lesen von Worten. Die Fähigkeit zu lesen ist deshalb so wichtig, weil die Literatur eine Gebrauchsanweisung ist, das beste Handbuch, das wir haben. Die hilfreichste Anleitung für das Land, das wir besuchen, das Leben.

Auszug aus dem Essay 'die Tragetaschentheorie des Erzählens', Ursula K. Le Guin, 1986
Zwischenraum

Text folgt.